FAZ 08.05.2026
17:29 Uhr

70 Jahre ESC: Ein Lied kann eine Brücke sein


Beim Eurovision Song Contest geht es auch ums Gewinnen. Was uns aber noch an der größten Musikshow der Welt fasziniert, zeigt die gelungene Jubiläumsdoku „70 Jahre ESC – More than Music“ der ARD.

70 Jahre ESC: Ein Lied kann eine Brücke sein

Selbstverständlich geht es beim Eurovision Song Contest (ESC) vor allem um eines: ums Gewinnen. Oder steckt doch mehr hinter dieser langlebigen Veranstaltung, die in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum begeht? „Solange es den ESC geben wird“, sagt Hape Kerkeling, „hat die Demokratie in Europa eine Chance.“ Das klingt sehr pathetisch, doch womöglich hat er nicht ganz unrecht, wenn man sieht, wer sich im Laufe der Zeit um eine Mitgliedschaft bemüht hat und wer lieber auf den illustren Kreis wieder verzichtet. Zuletzt etwa zogen sich die Türkei (2012) und Ungarn (2019) zurück, gefolgt von Belarus und Russland. In den beiden ersten Fällen ist es eine Entscheidung der jeweiligen Regierung gewesen, in letzteren wurden die Mitgliedschaften von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) 2022 suspendiert. Auch das ist keine neue Erkenntnis, sollte aber unbedingt in einer Jubiläumsdokumentation zum ESC Erwähnung finden. EBU-Mitglieder müssen unabhängig berichten dürfen Der ESC ist eben mehr als Musik. Und wenn es sich auch anfühlt wie ein olympisches Singen, bei dem Nationen gegeneinander antreten, die Künstler werden von Rundfunkanstalten ausgewählt. Und diese müssen unabhängig sein, wenn sie Mitglied der EBU sein wollen, sie müssen ihre eigenen Regierungen kritisieren dürfen. So erklärt sich die Suspendierung der Sender von Belarus und Russland und eben nicht die des öffentlich-rechtlichen Senders Kan in Israel oder auch Suspilne in der Ukraine. Auch dieser Aspekt fehlt nicht in der sehenswerten ARD-Dokumentation „70 Jahre ESC – More than Music“ von Christopher Kaufmann. Dabei liegt der thematische Schwerpunkt der 130 Minuten auf Deutschland, besonders auch auf den beiden bisherigen Gewinnerinnen und ihren Mentoren. Nicole und Ralph Siegel kommen ausführlich zu Wort, Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab bedauerlicherweise nicht. Raab dürfte nach seinem Absturz im vergangenen Jahr, als er den ESC ein weiteres Mal zu seiner „Chefsache“ erklärte, keine Lust gehabt haben, Teil des filmischen Projekts zu sein. Sängerin Lena hatte sich zuletzt aus gesundheitlichen Gründen rargemacht. Zu Wort kommen altbekannte ESC-Größen, unter ihnen viele queere Protagonisten: etwa der schon genannte Hape Kerkeling, selbst Moderator von gleich drei ESC-Vorentscheiden (1989 bis 1991), dazu Tom Neuwirth (alias Conchita Wurst) und der Modedesigner Jean Paul Gaultier. Der Franzose hat seit 1960 jeden ESC verfolgt, seit er mit seiner Großmutter als Siebenjähriger die Französin Jacqueline Boyer und ihr Lied „Tom Pillibi“ gewinnen sah. Auch das neue Medium Fernsehen sollte beworben werden Auch das gehört zur Wahrheit dazu: Der Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea, wie er in seinem Gründungsjahr 1956 hieß, weil er in der italienschsprachigen Schweiz, in Lugano, stattfand, war nicht nur erfunden worden, um gut zehn Jahre nach dem Krieg die Völker Europas mit ihren verschiedenen Sprachen und Kulturen zu einem friedlichen Musikfest mit Wettbewerbscharakter zu versammeln. Die Union der Rundfunknationen wollte damit auch für sich und das neue Medium Fernsehen werben. Die Geschichte des ESC selbst lässt sich schnell erzählen: Anfangs ging es festlich zu, in Abendrobe und Smoking, dann wurden die Röcke kürzer, schließlich übernahmen erst die Hippies, dann zog Disco bei dem Schlagerfest ein. Deutschland tat sich in all den Jahren schwer, auch weil wir Deutschen laut Kerkeling nicht lustig sein können und alles zu ernst nehmen. Und so traf erst Siegel 1982 den richtigen Ton. Der inzwischen Achtzigjährige kann vom ESC nicht lassen, seit sein Vater, der Schlagerkomponist Ralph Maria Siegel, 1957 für die deutsche Teilnehmerin Margot Hielscher das Lied „Telefon, Telefon“ geschrieben hatte. Dass man den höchst ambitionierten Ralph Siegel bei einem Grand Prix nicht gerne um sich haben mag, bestätigt auch Johnny Logan. Der Ire hat dreimal den Grand Prix gewonnen, zweimal als Sänger, einmal als Komponist, Siegel trotz fast 50 Anläufen (zählt man alle Vorentscheide hinzu) hingegen nur einmal: 1982 mit Nicole und ihrem „Ein bisschen Frieden“. Er traf damit einen Nerv, nur wenige Monate zuvor hatte in Deutschland die bis dahin größte Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten stattgefunden. Gleich zweimal unterlag Ralph Siegel knapp dem Iren Johnny Logan Dass die beiden Komponisten gleich zweimal aufeinandertrafen, 1980 und 1987, und Logan jeweils den ersten Platz errang (mit „What’s Another Year?“ und „Hold Me Now“), während Siegel beide Male nur Zweiter wurde (mit Katja Ebsteins „Theater“ und „Laß die Sonne in dein Herz“ der Gruppe Wind), nagt bis heute an dem gebürtigen Münchner. Zurück zur ESC-Geschichte: In den Neunzigern ging es auch dank Siegel steil für Deutschland bergab, bis Stefan Raab das Ruder herumriss und eine Trash- und Kitschära einläutete, die bis heute ihre Auswüchse findet. Erst kam Guildo Horn, dann Raab selbst, schließlich war es Lena, die Deutschland den zweiten Sieg mit dem Lied „Satellite“ bescherte. Wie Siegel konnte Raab es dann nicht lassen, und auch er musste erfahren, was es heißt, sein Gespür für das richtige Lied zur richtigen Zeit zu verlieren. Ums Singen allein geht es längst nicht mehr beim ESC. Die eine Siegerformel hat niemand parat. Das beste Beispiel: Conchita, die, wie Tom Neuwirth in der Dokumentation erzählt, selbst dann noch nicht an einen Sieg glaubte, als dieser 2014 für „Rise Like A Phoenix“ schon feststand und verkündet worden war. Lordi fraß Ralph Siegels Autogrammkarte einfach auf Die kleinen Anekdoten aus den 70 Jahren werden nicht nur eingefleischte ESC-Fans erfreuen. Die Griechin Nana Mouskouri etwa erzählt, wie sie sich selbst 1963 um den Sieg brachte. Ihr Französisch, sie startete damals für Luxemburg, sei nicht gut genug gewesen, ihr habe damit die Wahrhaftigkeit gefehlt. Und Hardrocker Lordi aus Finnland, der Siegels gut gemeinte Autogrammkarte vor dessen Augen einfach „auffraß“, bekennt, dass sein liebstes ESC-Lied nicht etwa sein Siegertitel „Hard Rock Hallelujah“ von 2006 ist, sondern das hebräischsprachige Lied „Diva“ der israelischen Transfrau Dana International von 1998. Wer also kann beim ESC gewinnen? Die Ukrainerin Jamala weiß zumindest, wie es ist, zu gewinnen. Für einen Sieg brauche es keine Tänzer, keine riesige Show, „sondern nur eine Person, die alles trägt“. So wie sie es 2016 tat, mit ihrem Lied „1944“, das von der Vertreibung der Krimtataren durch Stalin handelt. Und das zwei Jahre, nachdem Wladimir Putin die Krim abermals widerrechtlich besetzt hatte. Im Finale vor zehn Jahren kam es zum Showdown zwischen der Ukraine und Russland, Jamala gewann, der Russe Sergey Lazarev rutschte mit seinem unpolitischen Lied „You Are The Only One“ noch auf Platz drei ab. War das gerecht bei einer Veranstaltung, bei der Politisches außen vor bleiben soll? Darüber darf bis heute gestritten werden. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der ESC auch für eine Utopie steht. Und wie könnte eine Dokumentation schöner enden als mit dem Lied von Joy Fleming aus dem Jahr 1975? Es war kein Siegertitel, sie landete nur auf Platz 17. Aber die Botschaft hat bis heute ihre Gültigkeit: „Ein Lied kann eine Brücke sein“. „70 Jahre ESC – More than Music“ läuft am 11. Mai um 20.15 Uhr im Ersten und ist schon vom 8. Mai an in der ARD Mediathek zu sehen.