FAZ 09.05.2026
10:35 Uhr

3:2 gegen Eintracht: Echte BVB-Liebe zum Abschied


Was hätten sie nicht alles erreichen können? Zum Abschied von Süle und Brandt feiern die Dortmunder sich und ihre Hochbegabten mit einer gewissen Wehmut.

3:2 gegen Eintracht: Echte BVB-Liebe zum Abschied

Ein besonderer Zwischenzustand hat sich beim 3:2 von Borussia Dortmund gegen Eintracht Frankfurt ergeben, eine Gegenwart, geschaffen als Verbindungsstück zwischen Erinnerungen und Träumen von einer schönen Zukunft. Die Dortmunder Südtribüne überschüttete die Spieler Julian Brandt und Niklas Süle mit ganz viel Liebe; die beiden früheren Nationalspieler bestritten ihr letztes Heimspiel für Borussia Dortmund. Auch Salih Özcan und der im März entlassene Sportdirektor Sebastian Kehl wurden verabschiedet; Bilder aus der Vergangenheit wurden hervorgekramt. Der eigentlich nicht als sentimentaler Mensch bekannte Brandt sprach von „Wehmut“, Süle war „unfassbar froh über den Rahmen hier“, Kehl hatte Tränen in den Augen. Aber es war auch eine Menge Zukunft sichtbar an diesem Abend. In der Vorfreude auf die kommende Saison stimmten die Fans mehrfach Schmähgesänge gegen Schalke 04 an – die Dortmunder Art, die Rückkehr des Rivalen in die Bundesliga zu feiern. Die Mannschaft hatte in den Trikots der kommenden Saison gespielt; der Verteidiger Luca Reggiani, 18, stand genauso in der Startelf wie der Angreifer Samuele Inacio, 18. Trainer Niko Kovac sagte: „Ich denke, dass wir hier heute einen Generationswechsel gesehen haben.“ Reggiani wird immer stabiler und souveräner, und Inacio hat in den 314 Bundesligaminuten, die Kovac ihm in den vergangenen Wochen ermöglicht hat, riesige Fortschritte gemacht. Gegen Frankfurt gelang ihm sein erstes Bundesligator. „Mit dem Jungen werden wir noch viel Spaß haben“, sagte der Trainer. „Das kann irgendwann auch ein Ersatz für Jule (Brandt, d. Red.) werden, auch wenn das große Fußstapfen sind.“ Die guten Ansätze sind erkennbar Noch ist zwar Vorsicht geboten, zumal es andere BVB-Teenager wie beispielsweise Ousmane Dembélé, Erling Haaland oder auch Jude Bellingham gab, die gleich in ihren ersten Spielen deutlich auffälliger waren. Aber die guten Ansätze sind bei Inacio gut erkennbar. „Für seine 18 Jahre spielt er das dann schon doch sehr reif und sehr frech“, sagte Brandt. Im Sommer kommen weitere 18 Jahre alte Talente: der brasilianische Linksverteidiger Kaua Prates, Justin Lerma, ein offensiver Mittelfeldspieler aus Ecuador; aber am Ende des Abends standen dann doch die Alten im Vordergrund. Süle, der sein 300. Bundesligaspiel bestritt, hat seine Karriere aus gesundheitlichen Gründen beendet. Mitte April musste er in Hoffenheim mit Verdacht auf den dritten Kreuzbandriss seiner Karriere ausgewechselt werden, was ihm so viel Furcht vor einem weiteren Jahr in der Reha einflößte, dass er sich entschieden hat, keine weiteren schweren Verletzungen riskieren zu wollen. Dieses Motiv bezeichnete Brandt als „nachvollziehbar“, und Kovac beschrieb Süle als „sehr nahbar, sehr sympathisch“, der „kein Funkenpuster“ sei. Dass die Dortmunder Fans den Verteidiger mit so viel Zuneigung überschütteten, ist aber schon ein wenig erstaunlich. Denn die Verantwortlichen in der Klubführung waren zwischenzeitlich schon verärgert, dass ihr Topverdiener aufgrund seines Lebenswandels oft mit seinem Gewicht kämpfte und Mühe hatte, ein angemessen professionelles Sportlerleben zu führen. Mehrfach fehlten ja nur Kleinigkeiten zu weiteren Titeln, wie Julian Brandt noch einmal in Erinnerung gerufen hat. Brandt hat 2019 mit dem BVB den deutschen Supercup gewonnen, 2021 wurde er Pokalsieger, 2023 verspielte das Team am letzten Spieltag die Meisterschaft, und 2024 ging ein Champions-League-Finale gegen Real Madrid knapp verloren. „Ich war kurz davor, jeden Titel mit dem BVB zu gewinnen“ und hätte „mit vollen Händen dastehen können“, erzählte Brandt in einem über den klubeigenen Medienkanal veröffentlichten Gespräch. Die Julian-Brandt-Leichtigkeit hat ebenfalls Vorteile Man kann spekulieren, dass er selbst mitverantwortlich für die Enttäuschungen war. Womöglich wären mehr Titel möglich gewesen, wenn der Mittelfeldspieler mehr von dieser Joshua-Kimmich-Ernsthaftigkeit in sich tragen würde. Aber die Julian-Brandt-Leichtigkeit hat ebenfalls Vorteile. Möglicherweise hätte auch ein perfekt austrainierter Niklas Süle die letzten fehlenden Prozente einbringen können, aber er sei eben „ein Grenzgänger“ und habe „immer einen Arschtritt gebraucht“, hat Süle in dieser Woche im Podcast „Spielmacher“ gesagt. Süle und Brandt stehen damit sinnbildlich für eine Ära: Spieler mit dem Potenzial zur Weltklasse, die dem BVB im Fall von Brandt sehr viel und im Fall von Süle zumindest einiges gegeben haben, denen jedoch der allerletzte Schritt zu einer verlässlichen Konstanz auf dem höchsten Niveau schwergefallen ist. Aber beide sind beliebte Typen, die eben ihre Eigenheiten haben, und das ist es, was zum Abschied im Vordergrund steht. Gerade auf der Südtribüne beim BVB, wo auch noch der nun endgültig feststehende zweite Tabellenplatz gefeiert wurde. „Das war ein sehr guter Abschluss dieser Heimbundesligasaison, mit 70 Punkten kann man sehr zufrieden sein“, sagte Kovac, und Nico Schlotterbeck erklärte: „Wir hoffen jetzt einfach, dass die Bayern in den nächsten Jahren eine Schwächephase haben und wir dann da sind.“