FAZ 10.05.2026
10:42 Uhr

25 Jahre nach Kinostart: J. K. Rowling und der Kulturkampf um „Harry Potter“


Vor 25 Jahren kam Harry Potter in die Kinos. Heute wartet die Welt wieder auf eine Verfilmung der berühmten Buchreihe. Doch die Fangemeinde ist tief gespalten. Was ist passiert?

25 Jahre nach Kinostart: J. K. Rowling und der Kulturkampf um „Harry Potter“

Für David Heyman lief es nicht sonderlich gut. Ein junger, wenig etablierter Filmproduzent, der gerade seinen Job bei Warner Bros. in New York gekündigt hatte, um in London seine eigene kleine Produktionsfirma zu gründen – Heyday Films. Die Kosten für sein Büro in Soho konnte der Brite kaum decken, er nahm Kredite auf, um über die Runden zu kommen. Dann, an einem Montagmorgen, Ende des Jahres 1997, erzählte ihm seine Assistentin, sie habe in dem angestaubten Regal der weniger vielversprechenden Bücher eines gefunden mit dem Titel „Harry Potter und der Stein der Weisen“ – es handele von einem Jungen in einer Zauberschule. Heyman, so berichtete er es später in etlichen Interviews, verschlang das Buch, sicherte sich die Filmrechte an dem Stoff der damals noch völlig unbekannten Autorin J. K. Rowling – und der Rest der Welt weiß, was in den Monaten danach passierte: Die Geschichte des Zauberlehrlings mit Blitznarbe breitete sich wie ein Flächenbrand weltweit in Kinderzimmern aus, von Albanien bis Tibet, niemand entkam Harry Potter. Der Markt boomte mit „Bertie Botts Bohnen“ 2001 dann, als der erste Film in der Regie von Chris Columbus in die Kinos kam – Rowling war inzwischen schon Millionärin und ihre Bücher hatten sich über 110 Millionen Mal verkauft – warteten Hunderte selbst ernannte Zaubersprösslinge am Leicester Square vor dem Odeon-Kino, ausgestattet mit schwarzen Umhängen, Nimbus-Besen, auf ihre Schauspielhelden von Hogwarts: Daniel Radcliffe, Rupert Grint und Emma Watson, ein noch milchgesichtiges, herzerwärmendes Trio, mit dem die Generation der Millennials erwachsen wurde. Gleichzeitig warf die Verfilmung eine Merchandise-Maschine in Gang, wie keine andere Kinderbuchadaption es je zuvor vermocht hatte. Der Markt boomte mit „Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung“, Roben, Zahnpasta, Umhängen, Mützen, Bettwäsche, Krawatten in den Farben aller Hogwartshäuser. Das Harry-Potter-Universum war unanfechtbar, der britische Held schien bekannter als Sherlock Holmes, James Bond und Hamlet zusammen. Damals gab es noch kein Social Media, kein Twitter, wo J. K. Rowling nachträglich immer mehr Details zu ihren Protagonisten enthüllen konnte. Es gab im Jahr 2001 auch noch keine Debatte darüber, ob die Autorin eine transfeindliche Agenda verfolge, die Diskussionen über Rassismus- und Klassenmetaphern im Werk wurden erst später lauter, auch jene, ob die Goblins in der Gringotts-Bank mit ihren Hakennasen antisemitische Stereotype reproduzierten. Gestritten wurde höchstens, ob Harry Potter Kinder zu Okkultismus verführe oder christliche Werte untergrabe; über Filmkürzungen und Abweichungen von den Büchern. Oder ob die alltäglichen Sorgen von Harry, Ron und Hermine in den acht Filmen zu kurz kämen. Schon jetzt die meistgehasste Serie Heute, 25 Jahre später, wartet die Welt wieder auf eine filmische Adaption. Zu Weihnachten soll die erste Staffel der „Harry Potter“-Serie von HBO starten: In sieben Staffeln wird die Geschichte noch einmal erzählt. „Die Serie wird eine originalgetreue Adaption“ der Buchreihe, heißt es in der Ankündigung von HBO. Die Welt von Harry Potter soll „in all ihren Facetten“ neu erkundet werden. Viele Fans erhoffen sich von den Versprechungen mehr Raum für Handlungsstränge, Nebenfiguren und Hintergrundgeschichten. Doch dieses Mal ist die Fangemeinde zutiefst gespalten. Verfolgt man die Debatte in den sozialen Medien, könnte man meinen, die Neuverfilmung von „Harry Potter“ sei schon jetzt die meistgehasste Serie, ohne dass ein Mensch sie überhaupt je gesehen hat. „Geht’s noch jemandem so, dass er von der ganzen Diskussion um die neue Harry-Potter-Serie echt fertig ist?“, schreibt ein verzweifelter Nutzer auf reddit. Was ist heute anders als damals? Die Art, wie wir auf popkulturelle Phänomene wie „Harry Potter“ schauen, hat sich im Laufe der vergangenen 25 Jahre schon insofern verändert, dass in den sozialen Medien solche Debatten überhaupt stattfinden. Sie greifen in die Rezeption ein, Monate vor Serienstart – politische Statements werden veröffentlicht, es wird gestritten, ethisch und moralisch abgewogen, wie man zu der Serie steht. Und stehen sollte. Besonders zentral ist die Rolle von J. K. Rowling selbst, die sie sich einerseits auf ihrem X-Account als politische Akteurin mit immer radikaleren Ansichten inszeniert. Andererseits wacht sie über ihr „Harry Potter“-Universum, indem sie Castingentscheidungen und Produktionsprozesse öffentlich auf demselben Account kommentiert, sodass es kaum möglich ist, sich nicht zu ihr als Person zu verhalten. Die sozialen Medien haben nicht nur mit sich gebracht, dass sich die Fans ständig im Austausch miteinander befinden (mit allen emotionalen und politischen Verwerfungen, die damit einhergehen), sondern auch dass die Beziehung zur Künstlerin über ihr Werk hinaus permanent gespiegelt wird. „Die Harry-Potter-Generation muss erwachsen werden“ Das „Harry Potter“-Universum ist zum politischen Reizthema geworden, das sich online immer weiter aufheizt. Zwischen konservativen und rechtspopulistischen Akteuren auf der einen Seite, linken auf der anderen, aber auch zwischen den Millennials, von denen viele „Harry Potter“ als heiliges Kulturgut ansehen, und der Generation Z, die der Kinderbuchreihe deutlich distanzierter gegenübersteht. Die Tiktok-Userin @mayalepa entfachte schon vor einigen Jahren eine hitzige Diskussion, als sie spottete: „Ich persönlich möchte nicht mit Menschen in Verbindung gebracht werden, die glauben, ,Harry Potter‘-Filme seien eine Charaktereigenschaft.“ In einem Gastbeitrag der „New York Times“ vom Januar 2026 mit dem Titel „Die Harry-Potter-Generation muss erwachsen werden“ argumentiert die konservative britische Journalistin Louise Perry, die „Harry Potter“-Reihe sei ein Produkt des Liberalismus der 1990er-Jahre. Sie sieht darin eine Weltanschauung, in der der Zweite Weltkrieg noch einen zentralen Platz in der kulturellen Vorstellung eingenommen habe und man an dem Glauben festhalten konnte, das Gute würde über das Böse siegen, und dass die besten Teile einer alten Ordnung sich durch eine Integration der neuen retten ließen. Jüngere Generationen, geprägt von Erfahrungen des wirtschaftlichen Niedergangs, politischer Polarisierung und Identitätspolitik, entlarvten diesen Optimismus als Illusion. Perry fordert ihre eigene Generation – die der Millennials – auf, diese Blase zu verlassen: Die Harry-Potter-Welt „war schön in ihrer moralischen Schlichtheit. Es war zu schön, um wahr zu sein.“ Perrys Gut-Böse-Dichotomie greift an vielen Stellen zu kurz. Weder ist sie historisch plausibel, noch so klar im Werk von Rowling konsequent vorhanden: Selbst die Guten (Harry, Sirius) treffen moralisch zweifelhafte oder gewalttätige Entscheidungen. Severus Snape tritt anfangs als dunkler Antagonist in Erscheinung, offenbart sich dann in seiner Liebe zu Harrys Mutter als tragischer Held – sein Doppelleben etwa symbolisiert den Bruch in der Gut-gegen-Böse-Dichotomie. Und ob Dumbledore bei all seiner Zuwendung für den Potter-Jungen nicht vor allem das größere Wohl vor Augen hatte, ihn sogar für seine Zwecke manipulierte, bleibt in den Büchern bewusst offen. „Ich komme zu dir nach Hause und bringe dich um“ Man kann sich die Frage stellen, ob die milliardenschwere Marke „Harry Potter“ immer noch weiter ins Endlose getragen werden muss. Ob nach der Verfilmung der siebenteiligen Buchreihe nicht einfach hätte Schluss sein können – die Fortsetzungsreihe „Phantastische Tierwesen“ wurde von Film zu Film weniger erfolgreich, und wie bei jedem Remake besteht die Gefahr, dass die „Harry-Potter“-Welt durch den bis in die Mitte der 2030er-Jahre geplanten Produktionsprozess der HBO-Serie irgendwann gänzlich ausgehöhlt wird. Der Regisseur der ersten beiden Filme, Chris Columbus, spottete kürzlich in dem Podcast „The Rest is Entertainment“ darüber, dass Hagrid in der HBO-Serie so aussehe wie auch damals schon an seinem eigenen Set: „Was soll das?“ – „Er trägt genau dasselbe Kostüm, das wir für Hagrid entworfen haben (...) Ich dachte, alles würde anders sein.“ An dem Wagnis, diese „Harry Potter“-Welt nun für jüngere Generationen neu aufzubereiten, auf gegenwärtige Identitäts- und Diversitätsdiskurse zu reagieren und dabei die alten Fans nicht zu vergraulen, entzünden sich prompt die ressentimentgeladenen Streitthemen. Der Schauspieler Paapa Essiedu erhielt in den sozialen Medien rassistische Nachrichten und Morddrohungen, weil er als schwarzer Mann in der neuen „Harry Potter“-Serie den Zaubertranklehrer Severus Snape verkörpert (in der Buchvorlage ist er als  blasser Mann mit fettigem schwarzen Haar charakterisiert, in den acht Filmen spielte ihn Alan Rickman). „Ich komme zu dir nach Hause und bringe dich um“, schrieb jemand auf Instagram an Paapa Essiedu, wie der in einem Interview mit der „Sunday Times“ erzählte. Konservative und rechtspopulistische Stimmen wittern hinter der Castingentscheidung eine „woke“ Agenda, was sonst. Ähnlich wurde auf die Besetzung von Arabella Stanton als Hermine Granger reagiert. In Social-Media-Kommentaren wurde die zwölfjährige Stanton als „Mudblood“ oder „nicht weiß genug“ beschimpft. Sogar Elon Musk bat Rowling, andere Inhalte zu posten Doch inmitten des Debattenfeuers steht J. K. Rowling selbst. Die Autorin wird seit Jahren wegen transphober Äußerungen und Tweets heftig kritisiert. Im Jahr 2018 hatte sie begonnen, sich in Diskussionen zu Gender und biologischem Geschlecht öffentlich einzubringen. Damals likte sie einen Tweet, der Transfrauen abwertend als „Männer in Kleidern“ bezeichnete. In den Jahren darauf hat sich ihr politischer Kampf gegen die rechtliche Anerkennung von Transfrauen als Frauen zu einer regelrechten Obsession entwickelt – sogar Elon Musk bat Rowling 2024 auf der Plattform X, andere Inhalte in seinem Netzwerk zu posten, auch wenn er ihr „von ganzem Herzen“ zustimme. Schauspieler wie Emma Watson, Rupert Grint und Daniel Radcliffe distanzierten sich öffentlich von ihr. „Transfrauen sind Frauen“, schrieb der frühere Harry-Potter-Darsteller Radcliffe 2020 in einem Statement. „Jede Aussage, die das Gegenteil behauptet, löscht die Identität und Würde von Transmenschen aus.“ In diesem Licht steht auch die neue HBO-Serie. Der Schauspieler John Lithgow, der den Albus Dumbledore spielen wird, sagte im Gespräch mit der „New York Times“, er sei kurz davor gewesen, sich aus der Produktion zurückzuziehen. Nicht gerade sanft seien die Reaktionen gewesen, die er in den sozialen Medien erfahren habe – auch wenn er sich von Rowlings Ansichten zu Transgender-Themen klar distanziere. Der achtzig Jahre alte Schauspieler akzeptiere jedoch mittlerweile ohne Groll, dass „das Thema“ in jedem Interview, das er bis zum Rest seines Lebens führe, zur Sprache kommen werde. Weil etwa J. K. Rowling als Produzentin mitwirkt – HBO-Chefin Casey Bloys sagte auf einer Pressekonferenz, J. K. Rowling sei „ziemlich stark involviert“–, kursieren in den sozialen Medien etliche Clips, in denen zum Boykott der Neuverfilmung aufgerufen wird. J. K. Rowling, so die Behauptung, finanziere mit den Gewinnen an den Harry-Potter-Serien ihren Antitransaktivismus. Wer sich an diesen Gewinnen in einer Weise beteilige (etwa indem man die Serie streame), mache sich der Komplizenschaft schuldig – lautet der Vorwurf. Rowling hatte im Mai 2025 die Gründung des Women’s Fund verkündet, eines Fonds, der ausschließlich aus ihrem privaten Vermögen finanziert wird, um Einzelpersonen und Organisationen zu unterstützen, die für den Erhalt „geschlechtsbasierter Rechte“ von Frauen kämpfen. Mit Getränk und Zigarre am Strand Im Jahr 2024 spendete Rowling etwa 70.000 britische Pfund an die schottische Gruppe „For Women Scotland“. Die Spende unterstützte eine rechtliche Initiative, die darauf abzielt, die Definition von „Frau“ im Gleichstellungsgesetz auf biologische Frauen zu beschränken und Transfrauen auszuschließen. Der britische Supreme Court entschied im April 2025 zugunsten einer Klage von „For Women Scotland“, dass der Begriff Frau im „Equality Act 2010“ biologisch definiert ist. Transfrauen gelten demnach nicht als Frauen im Sinne dieses Gesetzes. Rowling veröffentlichte daraufhin Bilder von sich mit Getränk und Zigarre am Strand und kommentierte auf der Plattform X: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!“ Rowling wurde durch die „Harry Potter“-Reihe Milliardärin und profitiert weiterhin in enormem Ausmaß finanziell von ihrem Werk und von dem, was nachträglich daraus gemacht wird. Dass Teile ihrer Einnahmen aus dem Serienerfolg in ihre politischen Tätigkeiten fließen, ist anzunehmen. Strikt trennen lassen sich Werk und Autorin im Fall von Harry Potter also nicht. J. K. Rowling löste die Grenzen ihres Werkes selbst auf, indem sie seit der Gründung ihres Twitter-Accounts 2009 nachträglich Details über ihre Figuren veröffentlichte, wie den Patronus von Severus Snape. Gleichzeitig erschufen sich die Fans ihren eigenen Harry-Potter-Kosmos, indem sie endlos Fan-Fiction schrieben – als Antwort auf J. K. Rowlings Werk. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Kontroversen, in die sich Rowling selbst permanent einmischt, scheint eine strikte Trennung zwischen Werk und Autorin geradezu naiv. Die Debatten beeinflussen die Rezeption und die Haltung von Serienmachern und Schauspielern in einem Ausmaß, wie es vor 25 Jahren kaum denkbar war. Zwar hatte J. K. Rowling schon immer einen großen Einfluss darauf, was mit ihrer geschaffenen Zauberwelt passierte, die Trennung zwischen der Geschichte und ihrer Schöpferin war damals jedoch individuell noch leichter zu ziehen – mit den sozialen Medien scheint diese Trennung komplexer geworden, sie ist weniger eine theoretische Frage, sondern wird in Echtzeit in Hunderten Kanälen öffentlich debattiert, dokumentiert und moralisch bewertet – und Rowling nimmt in diesem Spiel ihre eigene polarisierende Rolle ein. Das Urteil darüber, ob man ihren Ansichten zustimmt oder sie ablehnt, wirkt auf ihr Werk ein. Ob man die Serie schaut oder nicht, ist eine individuelle Entscheidung – ein Blick auf die Potter-Saga, der die Debatte um die Rolle ihrer Erfinderin ausblendet, wird aber nur schwer möglich sein.