Die beiden Schülerinnen schauen sich ratlos an. Ob sie schon einmal etwas von Wilhelm Liebknecht gehört haben? Beide schütteln den Kopf und verneinen die Frage. Vielleicht ist ihnen Karl Liebknecht vertrauter. Nicht wirklich, wie eine von ihnen postwendend sagt. Aber immerhin hat die junge Besucherin des Museums für Gießen diesen Namen schon einmal gehört. Ähnlich geht es einem Mann in den Vierzigern, der an diesem Mittwoch über den Wochenmarkt eilt. Wilhelm Liebknecht? Der Mann überlegt kurz und muss dann doch passen. Etwas mehr kann ein Radfahrer um die 60 mit dem Namen anfangen. „Das war doch ein Politiker“, meint er und liegt ziemlich richtig. Ob ihm noch etwas zur Person einfällt? Kopfschütteln. Diese vier befinden sich in guter Gesellschaft. Der am 29. März 1826 in Gießen geborene Tausendsassa seiner Zeit, der mit dem Wetzlarer August Bebel den Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) gründete, ist mittlerweile weithin unbekannt. „Wer eine spontane Straßenbefragung zum Bekanntheitsgrad von Wilhelm Liebknecht macht, muss mit einem (sehr) niedrigen Kenntnisstand rechnen. Selbst in Gießen wird das Ergebnis nicht viel besser ausfallen. Hand drauf“, schrieb der „Gießener Anzeiger“ im Frühjahr. Zwar wirkt Wilhelm Liebknecht bis heute nach – unter anderem als Verfechter von Bildung für alle. Dennoch steht er im Schatten seines Sohnes Karl, der vor gut 110 Jahren für die SPD im Reichstag saß, später die Kommunistische Partei Deutschlands mit begründete, bald darauf ermordet wurde und zusammen mit Rosa Luxemburg als historische Ikone der Linken in Deutschland gilt. Seine Geburtsstadt will den Vater in den nächsten Monaten aus diesem Schatten herausholen. Als Anlass dient die 200. Wiederkehr des Geburtstags von Wilhelm Liebknecht. Einer von vier „Gießener Köpfen“ neben Börne, Büchner und Voigt Wer in der Stadt nach offenkundigen Hinweisen zu Wilhelm Liebknecht sucht, dürfte zuerst auf eine Bronzebüste an der westlichen Flanke des Museums für Gießen in Nachbarschaft zum Botanischen Garten stoßen. Dort steht sein Abbild neben den ebenfalls in Bronze gegossenen Häuptern von Georg Büchner, Ludwig Börne und Carl Voigt, den drei weiteren „Gießener Köpfen“, wie diese Reihe heißt. Er ist als junger Mann mit feinen Gesichtszügen, wallendem Haar und sorgfältig geschnittenem Kinnbart porträtiert. „Liebknecht wird als luzider Denker gezeigt“, hieß es anlässlich der Enthüllung vor 20 Jahren. In Nachbarschaft des Zentrums der Jüdischen Gemeinde hängen zwei Gedenktafeln an einer Fassade. Dort, wo die Georg-Schlosser-Straße und die Gasse Burggraben aufeinandertreffen, stand das Geburtshaus von Liebknecht. Vor 100 Jahren war es der Schauplatz einer von politischer Haltung ausgelösten Lokalposse. Sollte doch an der Immobilie, die heute nicht mehr steht, ebenfalls eine Gedenktafel angebracht werden. Nur weigerte sich der Besitzer, dieser Bitte nachzukommen: „E Tafel fer de rode Bursch kommt mir net ans Haus“, soll der von den Ideen des Sozialdemokraten abgestoßene Tabakfabrikant ausgerufen haben, so die Überlieferung. Die Tafel wurde schließlich an ein Nachbarhaus montiert und eine zweite an der Gaststätte „Zum Ritter“, deren vormaliger Besitzer mit Liebknecht befreundet war und selbst der SPD angehörte. Ideen Wilhelm Liebknechts in Haus für Gemeinwesenarbeit gelebt In der Weststadt jenseits der Lahn wiederum steht am Leimenkauter Weg das Wilhelm-Liebknecht-Haus. Der Bau wurde im Mai 1996 eröffnet und dient der Gemeinwesenarbeit. Er beherbergt eine Kindertagesstätte nebst Familienzentrum und dient als Treffpunkt für Kinder und Jugendliche, Hausaufgabenhilfe inklusive. Auch Kochkurse für Erwachsene hat es schon gegeben. Zudem will die Einrichtung zum ehrenamtlichen Engagement und Nachbarschaftshilfe an einem der vier sogenannten sozialen Brennpunkte in der Stadt motivieren. Diese Ausrichtung steht ideell in der Tradition des Namensgebers, der sich für die Rechte von Menschen, die weniger begünstigt waren, und für demokratische Teilhabe einsetzte. Dies wird in der am Donnerstag eröffneten Ausstellung „Von Barrikaden und Parlamenten“ im Museum für Gießen deutlich. Gestaltet ist sie rund um Liebknechts Ideen für die Demokratie. Bevor die Besucher den Raum mit der Schau betreten, laufen sie über Begriffe, die auf den Boden geklebt wurden. Die Worte sind historisch mit Liebknecht in Verbindung gebracht worden. Zu lesen ist „Geselle“ ebenso wie „Lehrer“, „Musterschüler“ und „Revoluzzer“, „Politiker“ und „Exilant“, aber auch einfach „Gießener“ und „Ehemann“. Die sollen „den Kopf aufmachen“ für die Ausstellung, wie Museumsleiterin Katharina Weick-Joch sagt. Vom Musterschüler zum rebellischen Studenten und Journalisten Im Verlauf lernen die Besucher einen Mann kennen, der als Sohn gutbürgerlicher Eltern in der Schule so gut war, dass er sich langweilte und ein Stipendium für die Universität erlangte. Der die Gedanken in republikanischen Schriften zu nationaler Einheit und Demokratisierung aufsog, durch sozialistische Einflüsse zum rebellischen Studenten wurde und deshalb von zwei Hochschulen flog. Der während der Revolution von 1848 folgerichtig mit auf die Barrikaden ging, als Journalist über die Bewegung berichtete und als Redner auftrat, unter staatlichem Druck nach London ging und dort mit Karl Marx Freundschaft schloss. Und dem im Jahr 1900 etwa 150.000 Menschen in Berlin die letzte Ehre erwiesen. Die Schau kann mit nur wenigen historischen Exponaten aufwarten, so einem industriell vorgefertigten „proletarischen Haussegen“ mit Porträts von Bebel und Liebknecht, in dem Frieden und Freiheit gepriesen werden und Arbeit „als aller Menschen Pflicht genannt“ wird. Die Kuratorinnen Laura Grimm und Lena Heinze finden aus diesem Dilemma aber gut heraus. An zehn Aktionstischen geht es um Protestformen, Grundbegriffe der freiheitlichen Demokratie oder die Erfahrung, wie schwer es Arbeiter zu Liebknechts Zeiten hatten. Dabei bedient die Schau auch den Spieltrieb und erdet den Gedanken des Vernetzens im Lichte von Social Media.
