FAZ 31.07.2026
06:30 Uhr

100 Jahre Volksfest Zissel: Kassel feiert um den Häring


„Fullewasser, Fullewasser, hoi, hoi, hoi“: Wenn in Kassel dieser Ruf erklingt und der Häring gehisst wird, dann herrscht Ausnahmezustand. Vor 100 Jahren fing alles an – aber wie?

100 Jahre Volksfest Zissel: Kassel feiert um den Häring

Die Leinen sind gespannt, der Motor jault auf – und hopp. Vier Wasserskifahrerinnen halten sich an den Schultern fest und starten erfolgreich vom Steg in die Fulda. Neben dem Steuermann sitzt Nancy Hirschfeld im Boot und schaut kritisch. Hält die Formation? Die 48 Jahre alte Kasselerin trainiert das Pharao-Showteam des Wasserskiclubs Fuldabrück dreimal in der Woche und achtet dabei auf jedes Detail. Ihr geht es darum, eine gute Show zu liefern – gerade zum Zissel. Das nordhessische Volksfest ist für Hirschfeld nicht irgendein Fest, es ist ein Stück Heimat. Auf dem Wasser fühlt sie sich am wohlsten. „Ich bin auf dem Boot groß geworden“, erzählt die Trainerin. Schon als Kind verbrachte sie ihre Sommer auf der Fulda. Ihre Eltern hatten ein zwölf Meter langes Kajütboot im Kasseler Yachthafen liegen. Ihre erste Erinnerung an den Zissel: wie sie auf dem Boot beim Wasserfestzug mitfuhr und die Zuschauer begeistert winkten. Als ihr viele Jahre später Zuschauer als gekröntem Haupt zujubelten, habe sie „eine Art Flashback“ gehabt. Im Jahr 2000 wurde Hirschfeld eine Zisselhoheit. Es gibt eine Königin, eine Prinzessin und die Fullenixe – benannt nach der lokalen Bezeichnung des Fuldaflusses als „Fulle“. Letztere wird jedes Jahr von einem anderen wassersporttreibenden Verein gestellt, die anderen beiden werden gewählt. Als Hirschfeld gefragt wurde, ob sie kandidieren wolle, war sie skeptisch „Meine erste Reaktion war: auf gar keinen Fall“, erzählt sie. Sie dachte, es sei eine Art Miss-Wahl – so hatte es wohl in den Siebzigerjahren auch einmal angefangen. Aber Hirschfeld ließ den Gedanken reifen und willigte schließlich ein. Damit begann für sie ein Leben für den Zissel. Zissel „stiftet Identität“ „Fullewasser, Fullewasser, hoi, hoi, hoi“ – wenn dieser Ruf erklingt, etliche Boote auf dem Wasser treiben und ein fünf Meter langer Häring am Rondell gehisst wurde, dann beginnen in Kassel vier bunte Tage voller Musik, Tanz und Wasserspaß – von der Drahtbrücke in Richtung Süden, an beiden Ufern der Fulda. Den Namen Zissel haben Sprachforscher bisher vergeblich zu deuten versucht. Möglicherweise stammt „zisseln“ aus dem Plattdeutschen und bedeutet so viel wie: Geld verprassen zum Fröhlich- und Lustigsein. Der Zissel „stiftet Identität“, findet auch Christina Hackenberg. Sie ist seit 2018 Präsidentin des Vereins „Zissel in Kassel“ und ebenfalls eine ehemalige Hoheit. „Es ist ein festes Datum im Jahr, an dem die Menschen zusammenkommen.“ Mehr als 200 Stunden investiert sie in die Organisation des Festes. „Das Ehrenamt ist das, was mich antreibt“, sagt Hackenberg. Sie möchte den Menschen in dieser Stadt etwas Gutes tun – unterstützt von einem 13 Personen umfassenden Team. In den Mittelpunkt wollen sie die wassersporttreibenden Vereine rücken, denn aus ihnen ist das Fest schließlich entstanden. „Das wissen viele gar nicht.“ „Der Zissel gehört zur Identität unserer Stadt“, befindet auch Oberbürgermeister Sven Schoeller (Die Grünen). „Er sorgt für Vergnügen und Lebensfreude und trägt zu einem Gemeinschaftsgefühl und Zusammenhalt bei.“ Generationen von Kasselänern (deren Eltern bereits in der Stadt geboren sind), Kasselanern (in Kassel geboren) und Kasselern (Zugezogene) seien damit aufgewachsen, anlässlich der großen Festzüge auf dem Wasser und an Land „Fullewasser, Fullewasser“ zu schmettern. Der erste Zissel wurde 1926 gefeiert. Die Idee hatten Stammtischbrüder im Vereinsheim des Schützenhauses am Bleichenweg nahe der Stadtschleuse – bei einem Heringsessen. Es wurde ein Zisselrat gegründet, der aus Geschäftsleuten und städtischen Bediensteten bestand, darunter Schleusenmeister Hans Bürgel. Dazu kam eine Garde: die Zisselgarde, zusammengesetzt aus Vereinsmitgliedern, die den Zisselrat während des Fests symbolisch beschützen sollten. Die Zisselgarde gibt es heute nicht mehr. Bürgels Enkel Joachim ist heute einer der letzten Zeitzeugen des ersten Zissels nach dem Zweiten Weltkrieg. Was damals war, erzählt er etwa bei Vortragsabenden im Museum Fuldaschifffahrt, das in einem alten Getreidespeicher im Kasseler Yachthafen untergebracht ist. „Der Zissel startete von der Schleuse aus. Auf einem Motorboot wurden die Ehrengäste zum Rondell gefahren“, erinnert er sich. Manchmal durfte er sogar selbst das Steuer übernehmen. In der Schleuse wurde damals das Maskottchen, der Zisselhäring, aufbewahrt. Wenn der Häring hängt, beginnt der Zissel Heringe sind bekanntlich im Salzwasser zu Hause – in der Fulda hat noch niemand einen gesehen. Und doch ist der Hering das Wappentier des Zissels. Die Entstehungsgeschichte liest sich wie eine dieser Anekdoten, die mit jedem Nacherzählen ein bisschen runder werden: Sommer 1933, kurz nach dem Zissel, Biergarten des Schützenhauses in der Unterneustadt. Wirt Willi Schomberg war berühmt für seine Schmandheringe – doch an diesem Abend war nur noch einer übrig. Was dann geschah, gehört zur Gründungslegende des Festes: Aus einer Bierlaune heraus soll der letzte Hering in einer Zigarrenkiste, auf einem Brett, von vier Männern in feierlichem Zug – Akkordeonspieler und Gesang inklusive – zur Hafenbrücke getragen worden sein. Er möge wohlgenährt und tausendmal größer zurückkehren, rief man ihm nach. Dann verschwand er, mit Zigarrenkiste und allem, mit einem „Fullewasser, Fullewasser, hoi, hoi, hoi“ in der Fulda. Aus dem Hering wurde der Häring – und das Maskottchen. Wenn es heißt „D’r Häring hängt“, ist das Hissen eines hölzernen Fisches am Freitagabend der Startschuss für das Wasserfest. Am Montag wird er wieder abgehängt und dann im Kanu-Sportclub Kassel über das Jahr aufbewahrt. „Wir waren im Sommer mehr im Wasser als an Land“, erzählt Bürgel. Das sei auch der Grund, warum er heute im Museumsverein aktiv sei. Der 84 Jahre alte Hobbyhistoriker erinnert sich an die vielen Boote, an Menschen, die in Ruinen standen und die Festzüge zu Wasser und zu Land bestaunten – ein Bild, das die Geschichte des Zissels im Kleinen spiegelt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war das Wasserfest gleichgeschaltet worden. Die SA stellte die Zisselgarde, die Wassersportvereine verloren ihren Einfluss. Aus einem Vereinsfest wurde ein Fest der propagierten „Volksgemeinschaft“. „Das waren die dunklen Jahre des Zissels“, sagt Bürgel. Der letzte Vorkriegszissel fand 1939 statt. Nur 22 Tage später begann der Zweite Weltkrieg. Erst 1949 konnte wieder gefeiert werden. Doch die Stadt, durch die der Festzug nun zog, war eine andere. „Kassel war eine Rüstungsstadt und damit ein Ziel der Alliierten“, sagt Bürgel. Die Bombennacht vom 22. Oktober 1943 hatte Kassel verwandelt: Die Fachwerkstadt brannte, weite Teile der Innenstadt lagen in Trümmern. Die Landfestzüge führten 1949 von der Königsstraße bis zur Brüderstraße an ausgebrannten Fassaden und halb zerstörten Häusern vorbei – und dennoch drängten sich die Menschen bis in die oberen Stockwerke der Ruinen, um zu schauen. „Der Trümmerzissel ging bis 53, 54“, so Bürgel. Streit um den Zissel Der Fokus liegt allerdings auf der Fulda. Als Bühne des Zissels hat sie seitdem nichts von ihrer Anziehungskraft verloren – im Gegenteil. Noch heute ist der Wasserfestzug, der sonntags stattfindet, wohl das zentrale Element des Festes. Nancy Hirschfeld würde da sofort zustimmen. Als Hoheit wollte sie im Jahr 2000 nicht nur das schöne Gesicht sein, sondern auch etwas bewegen. Organisiert wurde das Volksfest damals von zwei Vereinen: dem Zisselförderkreis und der Zisselgilde. „Am Ende meiner Amtszeit trat ich in beide Vereine ein und wurde im Laufe der Jahre von beiden zur Vizepräsidentin gewählt“, erzählt sie. Doch zwischen den beiden Vereinsvorsitzenden herrschte ein starkes Konkurrenzdenken, das dem Zissel fast das Aus gebracht hätte. Die Fronten waren so verhärtet, dass es zu einem öffentlichen Zerwürfnis kam. Es ging sogar so weit, dass der Hauptsponsor abspringen wollte. „Das war ein Weckruf“, sagt Hirschfeld. Die Frage stand im Raum: Einen neuen Verein gründen, die anderen auflösen? Sie sprach mit den Streithähnen. Beiden lag der Zissel am Herzen, sodass sie ihr Ego zurückstellten und den Weg für eine Neugründung frei machten. 2007 wurde unter Hirschfelds Führung der Verein „Zissel in Kassel“ gegründet. Um sie scharte sich ein neues Team, vor allem aus ehemaligen Hoheiten. „Sie hatten alle ein Jahr mit dem Zissel verbracht und hatten das Herzblut, um ihn am Leben zu erhalten.“ So wurde der Zissel-Vorstand weiblich. „Der Zissel-Besucher hat das alles gar nicht mitgekriegt“, glaubt Hirschfeld – denn das Fest lief wie gewohnt ab. Während ihrer Amtszeit als Zisselkönigin kam Hirschfeld auch erstmals mit dem Wasserski in Berührung. Sie besuchte den Verein und fuhr gemeinsam mit ihren Hoheiten mit – und das klappte bei allen so gut, dass sie die Idee entwickelten, die Show mitzueröffnen. „Wir hatten es drei Tage vorher das erste Mal probiert“, erinnert sie sich. Die Zissel-Verantwortlichen waren mäßig begeistert, gaben aber ihr Einverständnis. So waren die Wasserskifahrer bei der Eröffnung des Zissels der erste Showpunkt. „Für mich ist Wasserski der perfekte Sport“, sagt Hirschfeld. „Er verbindet Eleganz, Balance, Beweglichkeit und Teamgeist.“ „Manche fragen mich schon: Bist du nicht langsam zu alt?“, erzählt die Zissel-Matadorin. „Ja, nee, noch nicht“, antwortet sie dann. „Ich will noch nicht aufhören – obwohl mein Körper manchmal sagt: Ich hasse dich.“ In den Wochen vor dem am nächsten Freitag beginnenden Zissel hat sie mit ihren Vereinskameraden besonders intensiv trainiert. Schließlich ist das Volksfest der Höhepunkt im Vereinskalender, und die Feierlichkeiten werden schon am Donnerstagabend inoffiziell von den Wasserskiläufern eröffnet. Fast hundert Jahre nach dem ersten Wasserfestzug ist die Fulda noch immer die Bühne, auf der die Geschichte des Zissels weitererzählt wird.