Als Jürgen Klopp vor zweieinhalb Wochen seine Anordnung für den großen deutschen Fußballfeldversuch präsentierte, teilte er seine Nationalspieler und die, die es werden wollten, in zwei Kader auf – mit einer nur geringen Schnittmenge. Die Erwartung beim Blick auf die Namen führte allenthalben zur Annahme, dass die Gruppe für die ersten beiden von vier Nations-League-Partien stärker eingeschätzt wurde als die zweite. Nach Abschluss des vierten Spiels am Sonntagabend dürfte diese These als widerlegt gelten. Nach dem 1:1 in den Niederlanden und dem 0:1 gegen Griechenland gab es den ersten Sieg in der Ära des neuen Bundestrainers erst nach dem Wechsel des Personals: Auf das 2:0 gegen Serbien folgte zwar nur ein 0:0 in Griechenland. Die deutsche Leistung im stimmungsvollen Toumba-Stadion in Thessaloniki konnte sich aber sehen lassen. Das sah auch Klopp so: „Die Jungs haben ein unglaubliches Fußballspiel gemacht, das in allen Bereichen top war, richtig top war.“ Schiedsrichter erkennt Tor von Burkardt wieder ab Die griechischen Fans jedenfalls waren erleichtert und jubelten bei Abpfiff. Ein Tor von Jonathan Burkardt in der ersten Halbzeit war Ansicht der Videobilder wieder aberkannt worden. Die Deutschen bleiben mit fünf Punkten auf Platz drei. Vorne liegt punktgleich mit den Griechen die Elf der Niederlande, die parallel 2:1 gegen Serbien gewann. Bei einer deutschen Niederlage wäre Platz eins jetzt schon unerreichbar geworden. Abseits dieser Fakten blieb nach vier Spielen unter Klopp als Fazit: Das Gegenpressing, das kontrollierte Chaos nach Ballverlust, funktionierte diesmal gut. Die Griechen, die Klopps Lieblingsstilmittel im Hinspiel mit langen Bällen umgangen hatten, kamen bisweilen nicht einmal mehr dazu, mit ihren Beinen auszuholen, um das Spielgerät wegzuschlagen, so schnell war mindestens ein Gegenspieler in der Nähe. Es scheint, als kommen die Deutschen den Vorstellungen ihres neuen Bundestrainers näher. Der gesteigerten Bedeutung des Spiels verlieh Klopp mit seiner Aufstellung Ausdruck. Erstmals stand kein Debütant in der Startelf; im Vergleich zum Sieg über Serbien änderte er nur drei Positionen: David Raum ersetzte Maximilian Mittelstädt links hinten, Lennart Karl spielte für den abgereisten Serge Gnabry, Burkardt stürmte für Nick Woltemade. Das bedeutete auch: Im Zentrum setzte der Bundestrainer wieder auf den bewährten harten Kern – Aleksandar Pavlović mit Tom Bischof und Florian Wirtz. Der hatte sich gegen schwache Serben als stabil wie kreativ erwiesen: Den Härtetest gegen konterstarke und selbstbewusste Griechen, gegen die es auf andere Qualitäten ankam, bestand im Allgemeinen nicht nur das Mittelfeld, das aber ganz besonders. Pavlović forderte Bälle und gestaltete, Bischof stand ihm in wenig nach und wenn einer für die besonderen Momente sorgte, dann war es Wirtz, diesmal mit Kapitänsbinde. Es wird spannend zu beobachten sein, wie Klopp sein Zentrum im November anordnet. Die Diskussion um Kapitän Joshua Kimmich, der absprachegemäß gegen Serbien und in Griechenland nicht dabei war, dürfte auf Wiedervorlage kommen, auch wenn Klopp das nicht möchte. Schon am Tag vor dem Spiel hatte er eingesehen, dass ihm das nur durch seine Worte nicht gelingen wird: „Ich gebe zu dem Thema auf. Offiziell. Jetzt schon.“ Direkt nach Anpfiff um 21.45 Uhr Ortszeit in der griechischen Hafenstadt mussten die Deutschen zunächst allerdings einen Moment des Schreckens überstehen. Bei einer Flanke von Kostas Tzimikas, der früher unter Klopp in Liverpool spielte, hatte Raum Giorgos Masouras aus den Augen verloren. Doch Jonas Urbig, der wie schon gegen Serbien im Tor stand, parierte mit einem starken Reflex auf der Linie in der zweiten Spielminute. Klopp fällt Woltemade um den Hals – aber zu früh Danach entwickelte sich eine Partie wie vor einer Woche in Augsburg, in der die Auswahl von Klopp ebenfalls viel Ballbesitz hatte, seinerzeit aber viel weniger damit anzufangen wusste. Der Ball lief nun direkter, schneller, präziser nach vorne. Der Lohn waren einige Chancen. Die Abschlüsse von Wirtz (8., 20. und 45.+3 Minute), Raum (23.) und Derry Scherhant (43.) fanden allerdings allesamt nicht ins Ziel. Anders war es nach gut einer halben Stunde. Nach Scherhants Lauf über links samt Übersteiger verwertete Burkardt seine Hereingabe (32.). Die Deutschen jubelten, auch Klopp, der zuerst Nick Woltemade auf der Bank um den Hals fiel. Doch der Videoassistent meldete sich. Schiedsrichter Clement Turpin ging zum Bildschirm und entschied, dass es strafbar war, dass der Ball Bischof im Mittelfeld in einem Mehrkampf auf den Arm gefallen war. Nach der Halbzeit stieg der Lärmpegel im alten Stadion von PAOK Saloniki zunächst an, denn bei den Griechen wurde ihr Jungstar, der Dortmunder Konstantinos Karetsas, eingewechselt. Doch die Kräfteverhältnisse auf dem Rasen änderten sich kaum. Es dauerte allerdings bis zur nächsten Chance; Malick Thiaw erreichte eine Freistoßflanke von Wirtz nicht richtig (59.), Scherhant verzog (65.). Klopp brachte Woltemade und Said El Mala. Doch ein Tor wollte, anders als für Griechen spät in Augsburg, für die Deutschen nicht mehr fallen.
