Seit ein paar Jahren ist ein Begriff aus der Bibel ein dunkles, aber faszinierendes Gerücht in der liberalen Öffentlichkeit: „Katechon“ – das ist griechisch und heißt auf Deutsch: der oder das Aufhaltende. Ist dieses Wort aus dem zweiten Thessalonicherbrief, von dem man weiß, dass es der amerikanische Trump-Unterstützer Peter Thiel ebenso gern im Munde führt wie der russische Kriegs-Apologet Alexandr Dugin, und das überdies auch noch ein Lieblingsmotiv des berüchtigten Staatsrechtlers Carl Schmitt war, möglicherweise das geheime Schibboleth der globalen Reaktion, der Schlüssel zu ihren verborgen gehaltenen letzten Antrieben? Zur Attraktion mag beitragen, dass die „Anomie“, die sich anbahnende Auflösung aller Ordnungen, von der in der Bibelpassage die Rede ist (2 Thess. 2,7), einem heute verbreiteten Zeitgefühl entspricht. Doch gegen die, die das nun schon für das Ende der Welt halten, versicherte Paulus, so weit sei es noch nicht, da es etwas oder jemanden gebe, der das angekündigte Kommen des Antichristen und der Apokalypse „aufhält“. Welche Funktion kann im Jahr 2026 solch eine religiöse Argumentation ausgerechnet für die extreme Rechte haben?
